Medizinstudium in Namibia

Praxiseindrücke von Welwitschia-Vorstandsmitglied Maria Seewald

 

Die medizinische Fakultät der University of Namibia (UNAM) steckt noch in denUNAMWappen Kinderschuhen. Im Jahr 2010 begann für 55 Studierende im ersten Jahrgang die medizinische Ausbildung auf dem neu errichteten Medizinercampus, der sich direkt zwischen den beiden staatlichen Lehrkrankenhäusern, dem Katutura State Hospital und dem Windhoek Central Hospital, befindet.
Das Curriculum setzt sich wie folgt zusammen: Das Hauptstudium beträgt 6 Jahre und beinhaltet Blockpraktika und Praxiseinsätze in den Lehrkrankenhäusern. Im Anschluss daran folgt eine zweijährige klinische Internship-Zeit, in welcher die jungen Mediziner die verschiedenen Fachbereiche in der Klinik durchlaufen, und auch Praktika im Norden in den ländlichen Regionen Namibias ableisten. Im Anschluss daran ist man als Medical Officer/Stationsarzt unter der Supervision von Fachärzten tätig, und spezialisiert sich im besten Fall in einer Fachrichtung. Dies ist derzeitig aber nur im Ausland möglich. Wenn keine weitere Spezialisierung erfolgt, ist man später automatisch als Allgemeinmediziner in den Krankenhäusern oder auch in der Niederlassung beschäftigt. Nur kurz im Vergleich, in Deutschland ist das Medizinstudium recht ähnlich organisiert. Das Hauptstudium umfasst fünf Jahre universitär und klinisch, gefolgt vom Praktischen Jahr und erst danach legen die Studierenden den dritten Teil der ärztlichen Prüfung ab. Im Anschluss daran beginnen sie als Assistenzärzte und -ärztinnen, allerdings bereits die Weiterbildung zu einem Facharzt. Die Weiterbildung zum Facharzt der Allgemeinmedizin ist in Deutschland eine mindestens fünfjährige Ausbildung.

Ich studiere derzeit im 8. Fachsemester Medizin an der Universität Magdeburg, und imMaria_Ärztin Rahmen dessen habe ich mich entschieden, in den Semesterferien eine einmonatige Famulatur bei einem Kinderarzt in Windhoek zu absolvieren. Die Famulatur ist ein studienintegriertes Praktikum, welches im klinischen Studienabschnitt in Blöcken (120 Tage insgesamt, 30 Tage fortlaufend) während der vorlesungsfreien Zeit abzuleisten ist. Ein Praktikum in einem Krankenhaus in Namibia zu machen habe ich persönlich als eine Herausforderung angesehen, da in Namibia ganz andere Krankheitsbilder und Infektionskrankheiten den Alltag prägen. Aus diesem Grund habe ich mir diesen Praxiseinsatz an das Ende meiner medizinischen Grundausbildung angesetzt, um bestmöglich darauf vorbereitet zu sein, möglichst hohe Lernerfolge erzielen zu können und gleichzeitig nützlich sein zu können vor Ort. Im Rahmen meines „weltwärts-Jahres“ 2010/2011 mit dem Deutschen Entwicklungsdienst habe ich in Windhoek als Freiwillige gearbeitet und das Land seitdem nicht mehr bereist. Ähnlich wie damals wollte ich meine Namibia-Reise diesmal wieder mit einer Aufgabe und freiwilligen Arbeit verbinden.

Mein betreuender Arzt war Dr. Benjamin, ein namibischer Kinderarzt, der in Südafrika und in den USA studiert hat. Er hat eine Privatpraxis im Rhino Park Private Hospital und ist zudem in allen privaten sowie staatlichen Krankenhäusern in Windhoek tätig. Mein Tagesablauf war jeden Tag unterschiedlich, unberechenbar und immer voller Überraschungen. Das Grundgerüst sah allerdings wie folgt aus: Treffpunkt war meist um 7:00 Uhr in seiner Praxis. Dann folgten Visiten im stationären Bereich des Rhino Park RhinoParkKHPrivate Hospitals. Im Anschluss daran sahen wir Patienten in den anderen Krankenhäusern der Stadt, in den privaten sowie staatlichen Einrichtungen. Die Verteilung der Privatpatienten auf die verschiedenen Einrichtungen ist dem System geschuldet. Zum einen besteht freie Arztwahl und zum anderen ist die Patientenanzahl und -zuteilung der im privaten Sektor tätigen Ärzte von den abgeleisteten Diensten (Bereitschaft, Wochenende, Spezialisierung) abhängig. Somit hatten wir oftmals Patienten in 5 verschiedenen Häusern und zum Teil noch in unterschiedlichen Gebäuden (Neugeborene, Kreissaal bei den geplanten Kaiserschnitten, Neonatologie, IST, Infektionskrankheiten, Gastrologie, allgemeine Kinderstationen), was unsere Effizienz und Arbeitszeiteinteilung täglich aufs Neue herausforderte. An zwei festen Tagen in der Woche leitete Dr. Benjamin zudemKleinerJunge_KatuturaKH noch Lehrvisiten im Katutura State Hospital für die Stationsärzte und Medizinstudierenden der UNAM. Ab dem Nachmittag waren wir täglich bis ca. 18.00 Uhr in seiner privaten Ambulanzpraxis tätig. Das Spektrum dort erstreckte sich von Vorsorgeuntersuchungen bei Neugeborenen und Kleinkindern über verschiedenste akut aufgetretene Krankheitsbilder bis hin zur Behandlung chronischer Erkrankungen in der Kinderheilkunde.

Dr. Benjamin liegt die Lehre an der UNAM sehr am Herzen. Er bemängelte oft die derzeitige Arbeits- und Ausbildungssituation und versuchte, die Studierenden für viele Themen zu sensibilisieren. Dies bezog sich auf Handlungsschemata im klinischen Alltag und Patientenmanagement, aber auch auf den Aspekt der Finanzplanung. Er versuchte, praxisrelevante Einflussgrößen und Hintergrundwissen zum wirtschaftlichen Handeln von Krankenhäusern als Unternehmen, speziell in den staatlichen Einrichtungen, wo Mittel und Budget begrenzt sind, zu vermitteln. Allem voran ist er aber ein passionierter Arzt! Solch eine Hingabe und den absoluten Verzicht auf eine Work-Life-Balance habe ich in der Form noch nie erlebt. Natürlich herrscht eine ganz andere medizinische KrankenzimmerKatuturaKHVersorgungssituation in Namibia als in Deutschland, und er ist einer der wenigen Fachärzte für Pädiatrie im Land, der auch die staatlichen Krankenhäuser betreut. Er kämpft tagtäglich mit maximalem Einsatz für das Patientenwohl unter limitierenden, medizinischen Bedingungen. Ich habe sehr bewundert, wie hart Dr. Benjamin arbeitet und welch einen tollen Umgang er mit den kleinen Patienten, ihren Eltern und dem Personal in den Kliniken pflegt und wie er dabei mit außerordentlicher Fachkompetenz praktiziert. In diesem Sinne war die Zeit für mich als zukünftige Ärztin sehr inspirierend und ich werde diese Erfahrung in ehrenvoller Erinnerung für mein Berufsleben mitnehmen.
Es war weiterhin eine wichtige Erfahrung, so hautnah den Unterschied zwischen staatlichen und privaten Versorgungseinrichtungen zu erleben. Während im staatlichen Sektor oft Fachpersonal fehlt und es zusätzlich an Material und Ressourcen mangelt, so dass Patienten oft nicht sofort optimal versorgt werden können, sind die privaten Krankenhäuser meist sehr gut ausgestattet und die Patientenversorgung entspricht weitestgehend europäischen Standards. Die Krankheitsbilder, innerhalb beider Systeme und in der Gesamtheit natürlich, unterscheiden sich noch einmal grundsätzlich von denen in Deutschland. Infektionskrankheiten wie HIV und Tuberkulose sind in Namibia ein dauerhaftes Problem. Banal erscheinende Durchfallerkrankungen, mangelnde hygienische Standards, Mangelernӓhrung sowie oftmals fehlende Erstversorgung fordern aber vor allem Windhoeks Kinderärzte jeden Tag auf neue heraus.

Maria_UrlaubIch hatte eine arbeitsintensive und eindrucksvolle Zeit in meiner „alten“, doch noch immer gewohnten Umgebung in Windhoek. Für mein Studium konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln, und gleichzeitig die Semesterferien in einem so tollen Land verbringen, an den Wochenenden ein bisschen reisen und für kurze Zeit wieder im namibischen Alltag leben. Ich habe mich sofort wieder heimisch gefühlt, und konnte an viele soziale Kontakte und Freundschaften von früher anknüpfen.

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