Spuren des Kolonialzeitalters in Norddeutschland: Der Elefant in Bremen

Verlässt man den Bremer Hauptbahnhof nicht in Richtung der Innenstadt und der Straßenbahnhaltestelle, sondern in Richtung Bürgerweide, so stößt man auf ein Denkmal, dessen Bedeutung wahrscheinlich nicht jedem Passanten bewusst ist: Der backsteinerne Elefant.

Die norddeutsche Hafenstadt Bremen war für den deutschen Außenhandel im 19. Jahrhundert von Bedeutung und diente daher auch als Hafen, von dem aus Handel mit den deutschen Kolonien betrieben wurde. Eine der wichtigsten Routen dabei war die nach Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia, welches Ende des 19. Jahrhunderts, auf Betreiben des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz, als deutsche Kolonie erworben wurde. Lüderitz hatte zunächst auf eigenes Risiko eine Niederlassung an der Küste des heutigen Namibias gegründet. Später wurde die Regierung des deutschen Reiches involviert, da es zu Konflikten mit Einheimischen und anderen Kolonialmächten gekommen war, die in der Region präsent waren.  Auch deshalb hatte die deutsche Präsenz in Afrikas Südwesten nach Lüderitz‘ Tod im Jahr 1886 weiterhin bestand.

Als Konsequenz des verlorenen Weltkriegs musste das Deutsche Reich im Jahr 1918 sämtlichen Kolonialbesitz in Afrika, Asien und Ozeanien abgeben. Allgemein bekannt ist, dass die Bestimmungen des Vertrags von Versailles, die Deutschland von den Aliierten auferlegt worden waren, im Deutschen Reich auf wenig Gegenliebe stießen. Das betraf nicht nur die Reparationszahlungen, Entmilitarisierung und Gebietsabtretungen in Europa, sondern auch den Verlust des Kolonialbesitzes. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts handelt es sich dabei um eine, oft an den Rand gedrängte, Episode der deutschen Geschichte.Sie war aber für viele Menschen zur Zeit der Weimarer Republik von größerer Bedeutung. Sie hatten damit zu leben, dass Deutschland seine Kolonien  verloren hat. Im Rahmen der Forderung nach einer Aufhebung der Bestimmungen des Versailler Vertrags spielte der Wunsch nach einer Restitution der deutschen Kolonien auch eine Rolle. Diesem Wunsch wurde durch die Errichtung von Denkmälern, wie dem backsteinernen Elefanten in Bremen Ausdruck verliehen. Die Trägerschicht dieser Bewegung waren hauptsächlich Kaufleute in den norddeutschen Hafenstädten, die die wirtschaftlichen Folgen des Verlusts zu spüren bekamen.

Nach langen Diskussionen und Planungen wurde das – damals noch – Kolonialdenkmal in Form eines Elefanten im Februar 1932 eingeweiht. Die Gestaltung als Elefant stellt die afrikanischen Kolonien in den Vordergrund. Unter dem Denkmal befindet sich eine Krypta, die als Erinnerungsort für die im 1. Weltkrieg getöteten ElefantAngehörigen der kolonialen Schutztruppe diente. 

In den Jahren nach 1945 verblieb das Denkmal zunächst in seiner Intention unverändert. Erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann die Wandlung von einem kolonialen Ehrenmal hin zum Anti-Kolonial-Denkmal. Damit ist es allerdings – bundesweit gesehen – eines der ersten seiner Art. Einer der Gründe für diese frühzeitige Entwicklung dürfte die zentrale Lage des Elefanten zwischen Hauptbahnhof und Bürgerweide gewesen sein, die eine Verdrängung des kolonialen Erinnerungsortes erschwerte. In einem ersten Schritt wurde der Elefant im Oktober 1987 feierlich zu einem Anti-Kolonial- Denk-Mal umgewidmet und in den Folgejahren umfassend restauriert. Im Mai 1990 wurde ein „Namibia-Freiheitsfest“ am Elefanten gefeiert. Im Juni 1996 besuchte Sam Nujoma, der damalige Präsident Namibias, und weihte am Elefanten – zusammen mit Bremens damaligen Senatspräsidenten Henning Scherf – eine Plakette ein, die an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia erinnert.Steinlegung

2009 wurde den Opfern des Völkermords ein vollwertiges Denkmal errichtet, welches sich durch seine unmittelbare Nähe zum Elefanten auszeichnet. Dabei handelt es sich um eine kreisförmige Steinlegung für die Steine aus der namibischen Omaheke – Wüste, dem Ort des Genozids an den Herero und Nama von 1904 bis 1908, nach Bremen gebracht wurden. Außerdem wurde der Park, in dem der Elefant steht 2014 in Nelson-Mandela-Park umbenannt. Passend zu dem 1988 von der bremischen IGM Jugend aufgestellten Tafel, die sich klar gegen ein Afrika der Apartheid und für ein Afrika der Menschenrechte auspricht.

Zusammenfassend gesagt, an dem Park unweit des Hauptbahnhofs lässt sich die Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur im Hinblick auf den Kolonialismus sehr gut ablesen. Zunächst ist da die Errichtung des Elefanten als backsteinerne Forderung nach Rückgabe der Kolonien, dann zunächst das augenscheinliche Verdrängen und ab Ende der 1980er Jahre eine langsam und holprig anlaufende Aufarbeitung der Verbrechen der deutschen Schutztruppe in Namibia, die das alte Denkmal aus den 1930ern in neues Licht rückt und durch die Umwidmung in einen neuen Kontext stellt.

Weitere Informationen

Zum Denkmal:

http://www.der-elefant-bremen.de/historie/kolonialdenkmal.html

Zu Adolf Lüderitz:

https://www.deutsche-biographie.de/sfz54904.html#ndbcontent

 

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