Vorbild mit guten Vibrations – EES im Interview

In Namibia ist er ein Superstar, in Deutschland noch ziemlich unbekannt. Dabei lebt EES mittlerweile seit über zehn Jahren in Köln. Hier will er die Nam Flava Music, seine eigene Mischung aus namibischen Kwaito, Reggae und Hip-Hop, berühmt machen und die Menschen motivieren. Wir haben den 31jährigen in Köln-Mühlheim getroffen.

Welwitschia: EES, wie hat es dich nach Köln verschlagen?

Als ich den Plan gefasst hatte, nach Deutschland zu kommen, habe ich am Strand von Namibia meinen ehemaligen Chef kennengelernt. Der hat in Namibia Urlaub gemacht und mich gefragt: „Was willst du machen? Dann komm mal rüber!“ Da hatte ich gerade meine Ausbildung in Südafrika abgeschlossen. Dort hatte ich auch einen Plattenvertrag, der kurz vorher geplatzt war. Dann dachte ich mir: Ich will einfach erst einmal raus aus Afrika. Denn du hast so viel aufgebaut und gemacht – und dann ist alles geplatzt. Und natürlich die Liebe. Das war auch der Hauptgrund, warum ich hier hin wollte. Ich habe eine deutsch-italienische Freundin, die eine lange Zeit in Namibia gewohnt hat und dann zurück nach Deutschland gezogen ist.

Welwitschia: Seitdem wohnst du hier?

EES Interview mit Welwitschia in KölnJa, seitdem wohne ich hauptsächlich in Köln, bin aber sehr viel unterwegs. Ich verbringe etwa drei bis fünf Monate im Jahr in Namibia. Obwohl es langsam ein bisschen weniger wird, weil ich mich mehr auf den europäischen Markt konzentrieren will als auf den afrikanischen. Da bist du ein bisschen limitiert, in Europa sind die possibilities noch größer. Und ich finde einfach dieser Sound, den wir da unten haben, der hat so etwas cooles, so etwas besonderes, dass wir ihn nicht für uns behalten sollten. Wir sollten ihn mit den Leuten hier teilen.

Wenn ich sehe, wie Musik gebraucht wird, um violence und negativity und materialism zu pushen, denk ich mir: Lass uns doch lieber das Tanzen pushen. Lass uns das Feeling pushen. Meine Mission ist, Kwaito und die afrikanische Musik hier bekannt zu machen. Und auch den Style, das Lockere, die kurzen Hosen zum Beispiel und den Stoffschlapphut. Deshalb mach ich auch diese ganzen Videos, um den Leuten zu zeigen: „Hey check, so ziehen wir uns bei uns an, so macht man Feuer, so jagt man ein Rhino.“

Welwitschia: Du willst mit deiner Musik also Gutes tun?

Ja, denn Musik hat so viel Power, um Leute zu beeinflussen. Leider gebrauchen viele Künstler diese Power sehr egoistisch und sagen: Wenn ich jetzt einen Song über Geld und halbnackte Frauen mache, wird mein Video mehr geguckt, dann kaufen mehr Leute meine CD. Ich, ich, ich – mehr Verkäufe, mehr Fame, anstatt zu sagen: Lass mich doch ein Video machen über Education, Zusammenhalt, Nation Buildung. Das würden die Leute sehen und denken: Das geht im Video, dann geht das auch im echten Leben. Denn was du siehst, nimmst du auf. As an artist, you have great power, and with great power comes great responsibility. Aber die Leute werden durch Medien wie RTL2 auch echt verblödet. Das heißt, man schwimmt hier gegen eine große Welle an.

Welwitschia: Ist das anstrengend?

Das ist sehr anstrengend. Aber zum Glück gibt die Musik einem sehr viel Kraft, um in der Richtung weiterzumachen. Oft kriegt man so kleine inspirations, wenn dir jemand eine Message schreibt und sagt: „Ich seh‘ was du machst, ich verstehe es, ich finde es cool, ich supporte dich.“ So ein Brief in der Woche, da hat man schon wieder Power für zwei Wochen. Das ist cool.

Welwitschia: Du nimmst die Verantwortung also an?

Ja, und es bringt dir ganz wenig Geld, und das ist das Problem: Du siehst andere Künstler, die machen, was einfach ist für den Markt und siehst, wie die mit einem heavy Speed an dir vorbeiziehen. Und wie viele tausende Millionen Leute die erreichen mit ihren schlechten Motiven. Das ist ein bisschen frustrierend.

Welwitschia: Aber du hast ja die Wahl.

Ja, die hab ich. Ich kann auch das machen, was die anderen machen. Aber kann ich dann abends schlafen gehen und mir sagen: Das ist die Kunst, die ich der Welt schenke? Wem hilft das? Wen motiviert das? Musik ist ja Vibration. Diese Vibrations treffen deinen Körper. Das heißt, du bist in einer ganz normalen Stimmung. Hörst einen traurigen Song, noch einen, noch einen, dann fühlst du dich irgendwann traurig. Dein Körper besteht ja aus Molekülen, die auch die ganze Zeit vibrieren Diese Vibrations können einiges bewirken.

Welwitschia: Also siehst du auch deine Vorbildfunktion?

Auf jeden Fall, denn die Leute sehen ja, was du machst, auf Facebook, Instagram, Youtube und so weiter. Wenn ich mir einen Joint reinziehe und denke: „Uh, ich bin cool, weil ich einen Joint rauche“, dann denken die Zehnjährigen: „Der ist cool, der zieht sich einen Joint rein.“ Mein Image ist eher: Kein Alkohol, keine Drogen. Wenn ich in einen Club gehe, würde keiner mir ein Bier kaufen. Obwohl alle mir ein Bier kaufen wollen. Aber sie wissen: der EES trinkt ja keinen Alkohol.

Welwitschia: Wo wir über Zehnjährige sprechen: Wie empfindest du die Bildungssituation in Namibia?

In Namibia wird es immer besser, step by step. Man kann dabei zugucken. Natürlich sind wir noch immer nicht da, wo wir sein sollten. Bildung ist eines der wichtigsten Dinge, denen man in Namibia noch mehr Power geben sollte. Denn Bildungsmangel führt zu Armut, führt zu Kriminalität, und so weiter… Wenn man sich um die Bildung kümmert, kümmert man sich gleichzeitig auch um vieles andere. Namibia macht schon viel dafür. Aber es ist auch an uns Vorbildern, Künstlern, Politikern da auch noch Druck zu machen.

Welwitschia: Die Verantwortung liegt also nicht allein bei der Regierung?

Nein, bei allen eigentlich. Auch bei den Eltern. Die müssen auch als Vorbild funktionieren und ihre Kinder zur Schule schicken. Auf den Dörfern gibt es manchmal noch nicht diesen Druck, da reicht es, wenn die Kinder auf die Rinder aufpassen. Aber grundsätzlich wird schon Druck gemacht. Bei den Lehrern könnte man, glaube ich, auch noch etwas verbessern. Da hört man manchmal Geschichten, dass welche besoffen in die Schule kommen.

Welwitschia: Es gibt ja auch aus Deutschland einige Bildungsinitiativen. Wie stehst du dazu?

Das PASCH-Institut, das die MLH (Martin Luther High School d.Red.) unterstützt, ist eine super Sache, finde ich. Wie gesagt: Die Deutschen machen sehr viel. Wie Omaruhu Heaven, Namibia Kids e.V. und Welwitschia. Da wird viel getan – von Deutschland aus. Powerful. Die Deutschsprachigen in Namibia leben eher ihr Leben und machen ihr eigenes Ding. Aber Annette und Jan Oelofse, die Naturschützer und Gründer des Okonjati Wildreservats, haben eine eigene Schule für ihre Safari Lodge gebaut – für 35 Kinder. Sie bezahlen alles, die ganze Bildung bis zur sechsten oder siebten Klasse. Das ist super, was sie da machen.

Welwitschia: Du kennst das Leben in Deutschland und Namibia ja gleichermaßen. Was gefällt dir hier besser, was dort?

EES Interview mit Welwitschia in KölnWas die technische Ausstattung angeht, ist Deutschland echt super. Wenn du im südlichen Afrika Sachen kaufst, gibst du eine Menge Geld aus. Namibische Internetverbindungen sind für Afrika sehr gut. Im Vergleich zu Deutschland natürlich schlecht. Aber es wird immer besser, in fünf Jahren sind wir da, wo Deutschland jetzt auch ist. Es ist auch cool immer wieder nach Hause zu kommen und jedes Mal diese kleinen Verbesserungen zu sehen.

In Deutschland fehlt mir ein bisschen das Lockere – was logisch ist. Wenn Winter ist, kannst du nicht locker sein. Du brauchst Sonne, um locker zu sein. Deshalb sieht man, wenn der Sommer kommt, wie angenehm die Deutschen auf einmal werden. In Namibia wiederum sind die Leute nicht so pünktlich, was auch verständlich ist, denn aus der Geschichte kennen sie es nicht, dass ein sechs Monate langer Winter kommt: Wenn ich im Sommer nicht arbeite, dann verrecke ich im Winter. Bei uns drückt man etwas in den Boden, das wächst dann schon.

Welwitschia: Was vermisst du hier am meisten?

Ich vermisse meine Familie, aber da kann Deutschland nichts für. Und es ist das Locker-Freundliche, das ist was mir ein bisschen hier fehlt. Das sagen auch viele Leute, wenn sie nach Namibia kommen: Die Leute sind herzlich und warm. Hier sind sie freundlich und höflich, aber das herzliche fehlt manchmal. Klar hast du ein paar Spots, bei denen du denkst: Ja, in dieser kölschen Kneipe war es nice. Aber im Generellen ist es ein bisschen abgegrenzter. In Namibia kannst du dich nicht so abgrenzen, weil das Land dafür einfach zu klein ist.

Welwitschia: Was ist dein Plan für das nächste Jahr?

Ich will größer auf Youtube werden. Weil ich einfach sehe, wie powerful Youtube jetzt wird. Youtuber, die eigentlich kein Talent für Musik haben, machen jetzt Songs und diese Songs kommen in die Charts. Eigentlich traurig. Aber wenn du sie nicht besiegen kannst, verbünde dich. Das will ich jetzt gerne mehr machen, darauf konzentriere ich mich. Ich werde auch nicht mehr so viele Alben produzieren sondern mehr Singles. Warum sollte sich jemand ein Album kaufen, wenn er 33 Millionen Songs im Internet hören kann? Und auf Youtube ist die Nachfrage riesengroß.

Welwitschia: Kannst du deine Message in einem Satz zusammenfassen?

In einem Wort: Motivation. Positive Motivation. Wenn du an einem tiefen Punkt bist, will ich, dass du meinen Song hörst und denkst: „Ach komm, ich versuch’s nochmal!“

Welwitschia: EES, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ines Bresler

Schaut euch das aktuellste Video von EES hier an:

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