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Windhoek – eine unterschätzte Stadt

Jedes Jahr reisen mehrere zehntausend deutsche Touristen nach Namibia. Im Jahr 2014 waren es allein 86.000. Deutschland steht somit auf dem 4. Platz hinter Angola, Südafrika und Sambia. Namibia ist bekannt für tolle Landschaften, die Big Five, grandiose Sonnenuntergänge, eine Vielfalt wie sie nur selten auf der Welt anzutreffen ist, den zweitgrößten Canyon der Welt, die höchsten Dünen der Welt und vieles mehr. Namibia hat ohne Frage einiges zu bieten.

Die meisten Touristen kommen morgens am Hosea Kutako Flughafen an und machen sich gleich auf den Weg Richtung Etosha oder in den Süden gen Sossusvlei. Dabei passiert jeder Tourist Windhoek und einhellige Meinung ist: „Schnell weiter, hier gibt es sowieso nichts zu sehen. Maximal ein Tag in Windhoek und dann weiter in interessantere Sphären.“ Leider verpasst der Großteil der deutschen Touristen dadurch viel. Es gibt einiges zu entdecken und erleben in Windhoek. Die Reiseführer sind hier entweder nicht sehr kreativ oder nicht aktuell. Deshalb übernehmen wir das jetzt. Wir planen für euch die ersten Tage in Namibias Hauptstadt. Langeweile? Ausgeschlossen!

Nach der Ankunft im Hostel oder dem Hotel geht es erst einmal in die Innenstadt zur Post Street Mall. Dort gibt es den Meteoritenbrunnen zu sehen der auch in fast allen Reiseführern vorzufinden ist. Da das unser erster Tag ist kümmern wir uns noch nicht um die Souvenirs die dort gekauft werden können sondern gehen über die Independence Avenue in den Zoo Park. Wer noch keinen großen Hunger hat kann zuvor noch in den Wernhil Park gehen und sich dort bei Pick ’n‘ Pay eine Oshikandela, ein Joghurt Drink, kaufen und sich in den Park setzen. Hier wird man mit Sicherheit von ehemaligen DDR-Kindern auf Deutsch angesprochen. Sie sammeln seit Jahren für eine Ausstellung. Dies ist jedoch nur ein Vorwand um Geld von Touristen abzuziehen. Wer großen Hunger verspürt kann stattdessen in das Café Zoo gehen wo auch VegetarierInnen auf ihre Kosten kommen. Das Dessert sollte man jedoch nicht dort genießen. Nicht weil es dort nicht gut ist, sondern weil die Eisdiele Cramer auf der anderen Straßenseite in der FNB-Zentrale besonders empfohlen werden kann.

Nach der Stärkung geht man den Hügel hinauf in Richtung Christuskirche. Sie ist tagsüber geöffnet und kann besichtigt werden. Im Anschluss sollte das Independence Museum besucht werden. Dieses Museum, von vielen auch nur als Kaffeemaschine bezeichnet, wurde von Nordkoreanern gebaut und 2014 eröffnet. Gegenüber des Museums ist die Alte Feste, die zuvor als Nationalmuseum fungierte und in deren Innenhof man nun das Reiterdenkmal anschauen kann, welches zuvor an der Stelle der Statue von Sam Nujoma stand.

Jetzt wird es wieder Zeit für eine kleine Erholung. Hinter dem Independence Museum ist der Parliament’s Garden zu finden mit dem Parlament, dem Tintenpalast, im Hintergrund. Im Park auf der Wiese oder den Bänken kann man sich gut ausruhen und die Seele baumeln lassen. Für politisch Interessierte gibt es die Möglichkeit das Parlament zu besichtigen. Ein Termin sollte jedoch ein Tag zuvor telefonisch vereinbart werden (061 226899)

Der Tag geht nun langsam zu Ende. Zeit für das Abendessen. Die erste Adresse ist natürlich Joe’s Beerhouse. Dort kann man die komplette Palette an Wildfleisch genießen, auch für VegetarierInnen ist vorgesorgt. Wer es etwas edler möchte kann das nice besuchen, ein Restaurant in dem KellnerInnen und KöchInnen ausgebildet werden. Wem das Essen in einem Restaurant nicht zusagt kann einen Sonnenuntergang genießen. Populär ist hierfür die Skybar des Hilton Hotels die offen zugänglich ist. Hier kann man bei bezahlbaren Getränken (Cocktails zwischen N$60 und N$80). den Sonnenuntergang genießen. Wer den Sonnenuntergang alleine verbringen möchte dem können wir diesen Geheimtipp geben: Am Avis Dam gibt es oben auf einem Hügel ein kleines Wasserreservoir von dem aus man einen schönen Blick über den Damm und die Stadt hat. Erreichbar ist das Reservoir entweder direkt über den Damm mit etwas Kletterarbeit. Da es anschließend dunkel sein, wird empfehlen wir jedoch den Weg über Ludwigsdorf.

Der nächste Tag kann mit einem Frühstück im Fresh ’n‘ Wild in Klein Windhoek oder in Eros beginnen. An einem Samstag kann auch der Green Market in der Dr David Kenneth Kaunda Street (ehemals Uhland Street) empfohlen werden. Dort verkaufen FarmerInnen aus der Umgebung von Windhoek ihre Produkte die nach Biostandards produziert werden. Jede Woche bietet zudem eine andere Organisation kulinarisches für das Frühstück an. MuseumsliebhaberInnen können nun gestärkt in das Owela-Museum gehen. Dort werden sehr detailliert die Traditionen der verschiedenen ethnischen Gruppen Namibias dargestellt. Wer sich mehr für Kunst interessiert, dem ist geraten in die National Art Gallery zu gehen, die mit verschiedenen Ausstellungen aufwartet. Beide Museen sind kostenlos, eine Spende wird jedoch erwartet. Für Eisenbahnfreunde gibt es das sehr interessante Museum der TransNamib direkt am Windhoeker Bahnhof. Für N$5 kann man sich die Geschichte der namibischen Eisenbahn anschauen inklusive vieler Relikte früherer Zeit.

Nun wird es wieder Zeit für etwas Entspannung. Im Stadtteil Kleine Kuppe steht die Grove Mall, das größte Einkaufszentrum Windhoeks. Für einige mag sich das nicht nach Entspannung anhören. Es gibt dort jedoch die Slowtown Coffee Roasters, die ihren Kaffee selbst rösten. In derselben Mall gibt es auch My Republik, das erste Modelabel Namibias das in Namibia Kleidung nicht nur entwirft sondern auch produziert. Wem das nicht zusagt, kann durch eine Führung die Brauerei von Namibia Breweries besichtigen. Diese sollte jedoch vorab telefonisch vereinbart werden (061 320 4999).

Zum Abschluss des Tages lohnt sich ein Besuch bei Xwama, ein Restaurant in dem traditionelle namibische Gerichte serviert werden. Wer am Abend schließlich noch unterwegs sein möchte, für den könnte sich das Warehouse lohnen. Es hat sieben Tage die Woche geöffnet, wobei verschiedene Veranstaltungen angeboten werden. Montags ist bei Open Mic für beste Unterhaltung gesorgt. An jedem ersten Mittwoch im Monat findet dort „Spoken Word“ statt, eine stand-up-comedy Veranstaltung.

Am nächsten Tag, kurz vor der Abfahrt, kann noch ein Abstecher beim Craft Centre gemacht werden. Dort gibt es nicht nur Souvenirs zu kaufen sondern auch ein gutes Café. Dort kann auch gleich für die Reiselektüre gesorgt werden. Bei OrumbondeBooks und bei Uncle Spike’s Book Exchange, der ein paar Meter die Straße hinauf zu finden ist, gibt es günstige gebrauchte deutsche, englische und afrikaanse Bücher zu kaufen. Bei beiden lohnt es sich absolut einen Besuch abzustatten.

Dies ist nun ein kleiner unvollständiger Überblick über mögliche Aktivitäten in Windhoek. Die Stadt ist reich an vielen gemütlichen Cafés und Ecken die als Außenstehender jedoch nur schwer zu entdecken sind. Es lohnt sich also in Windhoek mehr als nur ein paar wenige Stunden zu verbringen. Wer nun selbst auf Entdeckungstour geht und Dinge entdeckt, die wir nicht genannt haben ist herzlich willkommen uns weitere Tipps zuzuschicken!

Hier nun eine Liste mit Orten die oben keine Erwähnung gefunden haben:

Franco Namibia Cultural Centre:  Im FNCC gibt es regelmäßig verschiedene Events und Veranstaltungen die auf der Webseite zu finden sind
La Bonne Table
: Gemütliches Café im Zentrum Windhoeks
La BrocanteCafé im Southern Industrial mit selbstgemachten Kuchen und Second Hand Laden
Krumhuk: Ein Projekt circa 20km südlich von Windhoek in dem Gemüse, Brot, Frischkäse Joghurt und vieles mehr nach biologischen Standards produziert und verkauft werden. Ideal für die Verpflegung der ersten Tage.
Penduka: Ein Projekt das durch Armut, Behinderung oder mangels Bildung benachteiligten Frauen die Möglichkeit gibt im Projekt einer Arbeit nachzugehen. BesucherInnen können die dort hergestellten Produkte erwerben.

Auf www.whatsonnamibia.com gibt es tagesaktuell Events in verschiedenen Kategorien zu finden die in die Planung mit einbezogen werden können.

Windhoek Namibia

Rollen für Olympia

Es ist heiß, die Sonne brennt auf die Köpfe. Trotzdem kann es zehn BasketballerInnen plus Trainer nicht vom Training abhalten. Das Feld: 28 mal 15 Meter, an beiden Enden jeweils ein Korb. Nach und nach trudeln alle SpielerInnen ein und beginnen, sich auf das Training vorzubereiten. Die erste Aktion: Warmmachen. Bei 35°C im Schatten. Widerwillig machen sich die ersten auf den Weg um zwei Runden um den Platz zu rollen. Rollen? Ja, rollen. Heute ist Rollstuhlbasketball angesagt.

Seit Mai 2012 gibt es in Windhoek den „Wheel-Ability Sports Club“ bei dem Männer und Frauen gleichermaßen in einer Mannschaft spielen. Willkommen sind auch Nichtbehinderte. Jeden Sonntag treffen sich die SpielerInnen, die alle noch unter 30 sind, um zu trainieren. Eine richtige Liga gibt es noch nicht in Namibia, dennoch einige andere Vereine in anderen Städten. Los geht also das Training. Nach dem Warmmachen werden erst einmal ein paar Körbe geworfen um anschließend an der Taktik zu feilen. Die Zonenverteidigung ist noch nicht ganz in Fleisch un Blut übergegangen.

Rollstuhlbasketball unterscheidet sich im Grunde genommen nicht sehr vom Fußgängerbasketball nur das eben alle im Rollstuhl sitzen. Die Körbe haben dieselbe Höhe, das Feld dieselbe Größe und gedribbelt werden muss ebenfalls. Wer mehr als zwei Mal am Greifring zieht, begeht einen Schubfehler. Der größte Unterschied ist die Klassifizierung mit der jede/r SpielerIn je nach Behinderungsgrad eine bestimmte Punktzahl bekommt um Chancengleichheit zwischen den Mannschaften sicherzustellen.

Nach dem taktischen Training und einer kleinen Trinkpause geht es dann endlich über zum Spiel auf das alle brennen. Alle sind hochmotiviert die gegnerische Mannschaft zu schlagen. Ziel ist die einstudierte Zonenverteidigung nun im Trainingsspiel in die Tat umzusetzen. Hier muss nun der Unerfahrenheit einiger SpielerInnen Tribut gezollt werden weshalb die Realisierung noch einiger Trainingseinheiten bedarf. Nichtsdestotrotz kommen einige schöne Spielzüge zustande und das Spiel ist für den Außenstehenden überraschend schnell und auch körperlich betont. Es wird viel geblockt und auch gerammt was teilweise gegen, meist aber mit den Regeln ist. Nach zweieinhalb Stunden Training gibt sich auch der letzte geschlagen und ist erschöpft.

Auf dem Weg zum Taxi nach dem Training erzählt dann Roodly dass es als Behinderter in Namibia nicht einfach ist. „Vor allem ein Taxi zu bekommen ist sehr schwierig, da viele Fahrer nicht gerne anhalten um den Rollstuhl im Kofferraum zu verstauen. Sie möchten stattdessen schnell weiter.“ Behinderte haben es noch immer oft schwer als vollwertige Mitglieder in der Gesellschaft aufgenommen zu werden. Viele Eltern verstecken ihre Kinder zu Hause aus Angst vor den Blicken der anderen. Das blieb den SpielerInnen des Wheel-Ability SC erspart. Selbstbewusst kämpfen sie für ihre Rechte und Akzeptanz im namibischen Alltag. Auch wenn es nicht einfach ist und sie immer wieder zurück geworfen werden, ist ihre Motivation und Begeisterung ansteckend. Insbesondere der Basketball und der Traum der Teilnahme an den Paralympics 2020 gibt ihnen viel Kraft und vor allem Selbstvertrauen. Der Spaß und die Anstrengung jeden Sonntag entschädigen die SpielerInnen für die negative Erlebnisse.

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#FeesMustFall?

Im Bildungssektor in Namibia gab es in den vergangenen Wochen und Monaten viel Bewegung. Für die Grundschule (Klassen 1-7) sind schon im Jahr 2013 die Schulgebühren weggefallen, für die Sekundarstufe (Klassen 8-12) gilt dies seit diesem Jahr. Das ist ein großer Schritt für das namibische Bildungssystem, wenn auch damit die Arbeit nicht abgeschlossen ist. Noch immer mangelt es an ausreichender Infrastruktur für die SchülerInnen und die Resultate des letzten Jahres der Klassen 10 und 12 waren wiederum enttäuschend. Aufgrund der Veränderungen in der Schule warten nun auch die Studierenden an den Universitäten darauf dass sie von den Studiengebühren befreit werden.

Bereits im Oktober schwappte die #FeesMustFall-Bewegung von Südafrika nach Namibia.

Jedoch hatten diese Proteste keine Auswirkungen. Die Politik beharrte auf die Studiengebühren und die Bewegung ebbte ab. Die Studiengebühren an der University of Namibia betragen im Jahr 2016 N$3550 (etwa 200€). Wer zusätzlich noch einen Platz im Hostel der Universität benötigt, auf den kommen weitere Kosten von N$9930 pro Jahr zu. Zusätzlich werden noch ein Registrierungsbeitrag sowie eine Exam Fee erhoben. Wer also an den Examen teilnehmen möchte, muss zuerst dafür finanziell aufkommen. Die Höhe Studiengebühren in Namibia sind entsprechend vergleichbar mit dem Semesterbeitrag in Deutschland. An der Universität Tübingen betrug dieser für das Wintersemester 15/16 etwa 140€. Vergleichbare Beträge, jedoch bei Lohnniveaus wie sie nicht unterschiedlicher sein können. Ist der Ruf nach Befreiung von Studiengebühren als gerechtfertigt?

Die Mehrheit der Studierenden beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja!“. So kam es auch zum #VarsityLockDown Ende Januar an der University of Namibia und der Namibia University of Science and Technology.

Im Zuge dessen blockierten Studierende der beiden Universitäten die Eingänge und forderten die Einstellung der Studiengebühren.

Eine Reaktion der Politik und Universitätsverwaltungen ließ nicht lange auf sich warten. Schnell wurde beschlossen den Registrierungsbeitrag sowie die Exam Fee nicht zu erheben. Zumindest nicht sofort. Nach großer Verwirrung und Fehlinterpretationen die bis dahin gingen dass die Studiengebühren tatsächlich gestrichen würden, war schließlich klar dass der Registrierungsbeitrag und Exam Fee zwar nicht sofort erhoben werden, jedoch bis Mitte des Jahres bezahlt werden müssen.

Es gibt jedoch nicht nur Stimmen die sich gegen die Studiengebühren aussprechen. In unserem Essay-Wettbewerb zum Thema ob kostenlose Bildung sinnvoll für Namibia sei, schreibt eine Einsenderin, dass die Befreiung von Studiengebühren Studierenden falsche Anreize geben könnte da diese so ihr Studium weniger wertschätzten. Sie ist mit ihrer Meinung jedoch in der Minderheit.

Der Tenor aus den Medien und der Politik lautet, dass Studiengebühren weiter bestehen werden da momentan kein Geld im Haushalt bereitgestellt wurde. Es ist jedoch davon auszugehen dass in den kommenden Jahren auch die Gebühren an den Universitäten gestrichen werden. Ob das jedoch die Probleme in der Bildungslandschaft lösen wird ist fraglich. Schon jetzt streben viele SchülerInnen ein Studium an einer Hochschule an und nur wenige entscheiden sich für eine technische oder handwerkliche Ausbildung. Die Konsequenz wäre ein Fachkräftemangel. Was ein Fachkräftemangel bedeutet, bekommen wir hier in Deutschland zu spüren. Es wäre wünschenswert wenn Namibia darauf verzichten könnte.

Von den Schulgebühren befreit: Namibische SchülerInnen

Von den Schulgebühren befreit: Namibische SchülerInnen

Namibia lesen

„Read more books!“ ist ein Ratschlag, über den wir oft stolpern. Und gerade, wenn es auf der Nordhalbkugel wieder kalt und dunkel wird, kann man sich mit guter Literatur in andere Länder lesen. Reiseführer und -berichte über das Land des Kameldorns gibt es wie Sand in der Namib. Aber auch spannende Biografien, Krimis und Romane aus und über Namibia haben ihren Wert. Welche lohnen sich wirklich? Welche gehören zum Kulturgut? Und welche sind verborgene Schätze, die bisher noch keine Aufmerksamkeit erfahren haben? Wir haben eine kleine Auswahl für euch zusammengestellt.*

Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste – Henno Martin

Der Namibia-Klassiker – und unter Deutschsprachigen die Pflichtlektüre schlechthin. Und das zu recht: Henno Martin und Hermann Korn, zwei deutsche Geologen, haben gerade ihren Doktortitel in der Tasche und reisen ins damalige Südwestafrika, um Wasservorkommen zu erforschen. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges machen sie ihrer Ansage ernst und leben zweieinhalb Jahre lang abgeschieden in der Wüste.

Das Ergebnis – dieses Buch – ist ein faszinierender Überlebensbericht und zugleich die philosophische Erklärung zweier Männer, die viel Zeit in der Wildnis verbracht haben. Und viel Zeit mit Nachdenken. „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“ ist eine fesselnde Geschichte, die Lust auf Natur macht. Sie bringt uns nicht nur viel über Flora und Fauna Namibias bei, sondern lehrt noch etwas viel wichtigeres: die Ehrfurcht vor dem Leben.

Der lange Schatten – Bernhard Jaumann

Das dritte Buch aus Bernhard Jaumanns Namibia-Reihe ist erst im letzten März erschienen. Schon zwei Monate später flog der 58-jährige Autor nach Windhoek, um dort im Goethe-Zentrum aus seinem neuesten Krimi vorzulesen: In Freiburg wird das Grab eines bekannten „Rassenforschers“ geschändet, in Windhoek wird die Frau des deutschen Botschafters entführt – gemeinsam mit dem Kind, das sie adoptieren will.

Während die Protagonistin Clemencia Garises nach den Entführten sucht, ist der Journalist Claus Tiedtke in Berlin möglichen Attentätern auf der Spur. „Der lange Schatten“ ist das spannende Buch eines Namibia-Kenners, der nicht bloß gute Unterhaltung bietet. Er liefert auch viele Hintergrundinformationen: von deutschen Kolonialverbrechen bis hin zur Diskussion um das Adoptieren afrikanischer Waisenkinder.

Kind Nr. 95 – Lucia Engombe

Wenige der so genannten DDR-Kinder reden gerne über die Vergangenheit. Verständlich, denn schließlich wurden sie in den vergangenen Jahrzehnten immer und immer wieder darauf angesprochen. Ihre Geschichte ist einfach zu spannend, als dass Menschen, die zum ersten Mal davon hören, sich das Fragen verkneifen. Gut, dass Lucia Engombe ihre Erlebnisse in einem Buch festgehalten hat.

1979, während des Befreiungskampfes, wird die 7-jährige Lucia überraschend aus dem sambischen Flüchtlingslager in die DDR gebracht. Gemeinsam mit insgesamt 430 anderen namibischen Kindern soll sie im sozialistischen Staat zur neuen Elite ihres Landes herangezogen werden. Doch dann kommt 1990: Die Deutsche Wiedervereinigung und die Namibische Unabhängigkeit. Die Kinder werden über Nacht in eine Heimat zurückgeflogen, die ihnen mittlerweile vollkommen fremd ist. In klarer, authentischer Sprache beschreibt Lucia ihr Leben zwischen Namibia und Deutschland – und gewährt dem Leser damit einen Einblick in ihre außergewöhnliche Biographie.

Der weiße Ovambo – Nils Ole Oermann

Ein ganz anderes, aber nicht weniger spannendes Leben führte hat der evangelische Theologe Peter Pauly: 1917 in Breslau, im heutigen Polen, geboren, verlässt er 20 Jahre später Deutschland – ohne Abitur, das ihm als „Halbjuden“ verweigert wurde. Er wandert aus und arbeitet auf einer Kaffeeplantage in Britisch-Ostafrika. Dann bricht der Krieg aus und Pauly wird interniert.

1947 kehrt er nach Deutschland zurück und arbeitete unter anderem als Dolmetscher beim Verfassungskonvent. 1950 zieht es Pauly aber wieder nach Afrika. Im heutigen Namibia und leitet er eine Farm. Er ist kein junger Mann mehr, als sein Leben dann noch einmal einen ganz anderen Weg einschlägt:
Zum einen studierte er evangelische Theologie und wird Pfarrer. Zum anderen heiratet er nach seiner ersten Ehe eine Ovambofrau und beginnt, für die Abschaffung der Apartheid in Namibia zu kämpfen.

Namibia – Carmen Rohrbach

Abenteuerliche Begegnungen mit Menschen, Landschaften und Tieren“ heißt der Untertitel des Buches. Und wirklich: Der Bericht der deutschen Biologin Carmen Rohrbach ist ein Abenteuer. Allein und ganz unbefangen fährt sie durch die Landschaften, beobachtet und lässt das Land auf sich einwirken. Neben den spannenden Geschichten, die sie auf ihren Reisen erlebt flechtet sie auch ihre sensiblen und unvoreingenommenen Gedanken zu Tier- und Menschenwelt ein.

Zusätzlich gibt sie Einblicke in die Historie des Landes und teilt als Biologin auch ihre Kenntnisse über Tier- und Pflanzenwelt mit dem Leser. Beim Lesen von Rohrbachs „Namibia“ hat man das Gefühl, selbst mit ihr auf Achse zu sein. Deshalb ist Vorsicht geboten: Wen das Fernweh ohnehin schon sehr quält, sollte sich das Buch vielleicht lieber noch aufheben. Denn spätestens nach Kapitel 3 will er einfach nur noch hinaus in die Wildnis.

Richtungswechsel – Philipp Walter

Wiederum eine andere Perspektive bietet Philipp Walters „Richtungswechsel“. Ein junger Deutscher geht nach dem Abitur nach Namibia, um sich sozial zu engagieren. Aus Okakarara, einem kleinen Ort im Norden des Landes, schreibt er einen Blog. Aus diesen Berichten ist ein Buch entstanden, das ein Namibia abseits von Wüste und Armut, aber auch abseits der typischen Touristenrouten beschreibt: Die Alltagsrealität in einem besonderen Land, wertvolle Erfahrungen und unvergessliche Begegnungen. Wir entdecken eine andere Seite Namibias und bekommen zugleich einen Einblick in das Leben eines weltwärts-Freiwilligen.
Egal, ob man noch von einer Reise träumt oder das Land schon erlebt hat – dieses Buch schenkt einen Perspektivenwechsel. Wer das Buch nicht bei Amazon bestellen möchte, kann dies auch direkt beim Autor machen.

Hummeldumm – Tommy Jaud

Eines der bekanntesten Bücher die in Namibia handeln ist Hummeldumm. Der Autor Tommy Jaud reist mit seiner Freundin ohne Hintergedanken nach Namibia. Die dort auf sie wartende Reisegruppe wird dafür sorgen dass die kommenden zwei Wochen nicht langweilig werden. Sehr unterhaltsam beschreibt er die Aktivitäten der Reise und die Eigenheiten seiner Mitreisenden um schließlich am Ende seiner Freundin die Schuld am ganzen Schlamassel zu geben.

*Diese Auswahl ist – wie das meiste im Leben – eine sehr subjektive Sache. Sie erhebt nicht den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn Euch noch Bücher aus und über Namibia einfallen, die inspirieren, bilden oder Lust aufs Reisen machen, schreibt uns!
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Namibisches in Deutschland

Ob als Auswanderer oder zurückgekehrter Tourist: Jeden, der schon einmal in Namibia war, überkommt von Zeit zu Zeit die Sehnsucht. Das Heimweh nach faszinierenden Landschaften, wilden Tieren und freundlichen Begegnungen. Da kann es manchmal schon helfen, in ein Stück Biltong zu beißen oder ein kühles Windhoek Lager zu öffnen. Aber wo gibt es in Deutschland eigentlich namibische Produkte zu kaufen? Wir haben eine kleine Auswahl an Ideen zusammen gestellt.

Biltong-Shop

An welches Essen denkt man zuerst, wenn man an Namibia denkt? Biltong, natürlich. Unweit des Allgäus gibt es noch einen weiteren Laden, der sich auf Delikatessen aus dem südlichen Afrika spezialisiert hat. Hier gibt es neben Biltong, Chutney und südafrikanischen Weinen auch Windhoek Lager zu bestellen. Das Geschäft hat Dienstag  und Donnerstag von 14 Uhr bis 18.30 Uhr geöffnet, freitags von 10 Uhr bis 19 Uhr und samstags von 9 Uhr bis 13 Uhr. Nach Vereinbarung kann man aber auch außerhalb dieser Zeiten vorbeischauen. Oder eben online bestellen.

Savanna Zeller

Wer kein großer Freund von Bier ist, hat in warmen namibischen Nächten sicher auf Cider zurückgegriffen. Savanna Dry erinnert an durchtanzte Konzerte in der Stadt, freundliche Gespräche und gemütliche Braai-Abende. Der Cider aus dem südlichen Afrika ist dank Savanna Zeller mittlerweile sogar in Deutschland zu bekommen. Peter Zeller hat es sich eben zur Aufgabe gemacht, Weltenbummlern auch zu Hause eine südafrikanische Erfrischung anzubieten.

Biershop Hamburg

In Deutschland muss nicht nur auf Savanna nicht verzichtet werden. Auch die Windhoek Lager Fans kommen hier auf ihre Kosten. Im Biershop Hamburg gibt es Biere aus (fast) allen Ländern der Welt – so auch Namibia. Christl Stark sorgt mit ihrem Shop dafür dass Namibia-Fans in Deutschland zwar auf den namibischen Sundowner verzichten möchten, mit einem Windhoek Lager können sich deutsche Sonnenuntergänge aber mindestens genauso gut genießen lassen.

African Heart

Im Münchener Westen betreibt Georg Meyer ein Geschäft aus Leidenschaft. Um die Sehnsucht nach Afrika ein bisschen zu stillen, bieten er und seine Frau allerhand an: Über Lebensmittel, Kaffee und Spirituosen bis hin zu selbstgemachtem Schmuck und Kunsthandwerk. Auf der Internetseite gibt es auch Einblicke in den Laden, der Dienstag bis Freitag von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet hat, samstags von 10 Uhr bis 13 Uhr. Aber, wie es hier heißt: Wenn die Flagge oben ist, dürfen Sie auch außerhalb der Öffnungszeiten hereinspazieren.

Namibia-Shop

Der gebürtige Namibier Bernd Rust wohnt mittlerweile in Süddeutschland und hat sich darauf spezialisiert, Biltong aus Allgäuer Rindfleisch herzustellen. Seine deutschen Großhändler importieren aber auch Antilopen- und Straußenfleisch aus Namibia und Südafrika. Gewürze, Chutney und andere Delikatessen gibt es in seinem Onlineshop auch zu erstehen. Und mehr noch: Von Zam-Buk über Kudulederschuhen und Emailletassen bis hin zu Flaggen – wer Namibia-Produkte sucht, wird hier fündig.

Potjierie

Back to the roots: Wer es in Namibia geliebt hat, seine Mahlzeit im gusseisernen Topf direkt über dem Feuer zuzubereiten, kann das authentische Buschgefühl auch in Deutschland wieder aufleben lassen. Die Töpfe aus massivem Gusseisen sind nicht nur extrem robust, sie verteilen die Hitze auch gleichmäßig und sorgen so für  effizientes Kochens. Auf der Internetseite findet man verschiedenste Arten der Potjes, außerdem Zubehör und leckere Rezepte.

Namibiana Buchdepot

Wer auf seiner Suche nach Literatur nicht unbedingt auf den bekannten, großen Onlinehändler zurückgreifen will, ist im Namibiana Buchdepot an der richtigen Adresse. Im Buchdepot lässt es sich gut nach Reiseführern, Reiserouten, Berichten und Belletristik stöbern. Für historisch Interessierte ist neben Büchern zur Kolonial- und Missionsgeschichte vor allem das Archiv interessant. Hier werden unter anderem die Veröffentlichungen der ehemaligen SWA Wissenschaftlichen Gesellschaft, der heutigen Namibia Wissenschaftlichen Gesellschaft (NWG), angeboten.

Freundeskreis Gesundheit für Ombili

Der Freundeskreis Gesundheit für Ombili Berlin-Brandenburg e.V. unterstützt die Ombili-Stiftung in Tsumeb. Diese Stiftung setzt sich für die San ein. Sie kämpft für den Erhalt und die Gleichberechtigung der Bevölkerungsgruppe in Namibia. Die schönen Handarbeiten der San, von Körben über Schnitzereien bis Schmuck, kann man beim Freundeskreis erwerben.

Der EES-Shop

Einer, der sich für die Bekanntmachung Namibias in Deutschland engagiert, ist Rapper EES. Der Musiker, der schon seit über zehn Jahren in der Bundesrepublik lebt, verkauft Kleidung aller Art mit seinem Markenzeichen. Im Shop gibt es neben CDs, DVDs und Merchandising auch Schuhe, Mützen und Accessoires in Namibia-Farben. Wer zum Beispiel Namibia-Schuhe ersteht, ist damit in guter Gesellschaft: Rocksängerin Lize Ehlers trug ihre bei den Namibia Annual Music Awards sogar zum Abendkleid!

Der AfricAvenir-Shop

Der gemeinnützige Verein AfricAvenir setzt sich für interkulturellen Dialog und Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa ein. Politische Bildung und Wissensverbreitung – aus afrikanischer Perspektive – sind seine Ziele. Die Hauptgeschäftsstelle in Douala, Kamerun wurde 1985 von Prinz Kum’a Ndumbe III. gegründet. 2000 folgte die deutsche, 2007 die namibische und 2012 die beninische Sektion. AfricAvenir bietet regelmäßig Veranstaltungen in Deutschland und Namibia an. Im Shop gibt es neben Musik und Filmen auch Literatur zu Namibia und ganz Afrika.

Uli Aschenborn

Wer schon einmal in der National Art Galerie oder im Museum von Swakopmund war, dem sind sicher die dynamischen Tierbilder von Uli Aschenborn aufgefallen. Der geborene Südafrikaner, dessen Vater und Großvater schon Tiere gemalt haben, lebt und wirkt in Aachen. Er malt wilde Tiere in seiner eigenen Chamäleon-Technik, die von namibischen Medien „Amazing Changing Art“ genannt wird – weil seine Kunstwerke sich andern, indem der Betrachter an ihnen vorbeigeht. Bilder von ihm sind in Ausstellungen in Deutschland und Frankreich zu sehen.

Imke Rust

Imke Rust ist ein künstlerisches Multitalent. Sie malt, fotografiert, filmt und gestaltet. Dabei drückt sie ihr Inneres aus, verarbeitet Eindrücke von außen und stellt sowohl persönliche als auch soziale und politische Wirklichkeiten dar. Die geborene Windhoekerin hat ihren Bachelor in Bildender Kunst an der Universität von Südafrika gemacht. 2001 und 2005 gewann sie die Standard Bank Namibia Biennale und hat seither viele nationale und internationale Projekte realisiert. Mittlerweile teilt sie ihr Leben zwischen Windhoek und Berlin auf, wo sie nicht müde wird, sich für die Bekanntheit namibischer Künstler einzusetzen.

Habt ihr auch Ideen und Geheimtipps, wo man Namibisches in Deutschland kaufen oder erleben kann? Schreibt uns. Wir freuen uns auf Eure Inspiration!

Geschichtsvergessen?

Im vergangenen Monat erkannte die Bundesregierung die Verbrechen an den Hereros und Namas offiziell als Völkermord an. Auch in Deutschland hat eine breite Medienfront darüber berichtet. Alle Artikel zu diesem Thema haben eines gemein: Sie holen den Leser ganz am Anfang ab, denn kaum einer kennt die deutsche Kolonialgeschichte. Wie kann das sein?

„Namibia – da kann man hinfahren, da hat der Kaiser die Eisenbahn gebaut“, bekommt man vonNamibia Deutschland Muffins älteren, deutschen Herrschaften gerne zu hören. Für die Jüngeren ist Namibia nur irgendein Land in Afrika. Deutsche Kolonie? Schon möglich. Wir wissen nur sehr wenig über die Kolonialgeschichte Deutschlands und über ihren Einfluss in Namibia. Dabei ist es doch ein so beliebtes Reiseland – nicht zuletzt wegen der guten Infrastruktur und der deutschen Einflüsse.

Nicht bloß Eisenbahnen

Doch die Deutschen in Namibia haben Anfang des letzte Jahrhunderts nicht nur Eisenbahnschienen gebaut und Handel betrieben. Sie haben auch gekämpft. So verloren tausende Hereros bei der Schlacht am Waterberg ihr Leben. Wer heute in Namibia Urlaub macht, freut sich zwar über Wurst und ein fröhliches „Guten Tag“ in den Geschäften von Swakopmund, mit der Geschichte setzen sich viele aber kaum auseinander. Gravierender noch ist das Unwissen in Deutschland selbst. Viele Reiseberichte beschreiben die atemberaubende Natur in Namibia und die wenigen Reportagen berichten eher von den Errungenschaften durch die deutsche Kolonialherrschaft als das Thema auch kritisch zu beleuchten.

Dabei ist Namibia kein Einzelfall: Auch die Unterdrückung der Maji-Maji Rebellen in Deutsch-Ostafrika, der etwa 100.000 Menschen zum Opfer fielen oder das Blutbad während des Boxeraufstands in China finden in den deutschen Medien, Museen und Schulbüchern kaum Beachtung. Das koloniale Abenteuer der Deutschen sei  nur kurz und geografisch eingeschränkt gewesen und deshalb unerheblich für die weitere Entwicklung der deutschen Gesellschaft, heißt es aus Regierung und Wissenschaft.

Kritische Betrachtung? Fehlanzeige.

„Meiner Ansicht nach hat sich kaum ein Bewusstsein für die koloniale Geschichte in Deutschland entwickelt. Es existiert faktisch nicht“, sagt Matthias Höhndorf von der Deutsch-Namibischen Gesellschaft (DNG). Das liege zum Einen an der sehr kurzen Zeit, in der Deutschland Kolonien hatte. Die Kolonien seien nach dem Ersten Weltkrieg abgegeben und ihre Geschichte durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges überlagert worden.

„Ich glaube sogar, dass die zwangsweise Abgabe der Kolonien dazu geführt hat, dass eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte, wie das für die anderen europäischen Kolonialmächte in den Sechzigern bis in die späten Achtziger notwendig war, Deuschland erspart blieb“, so Höhndorf weiter. Der ehemalige Bundeswehrsoldat hat sich schon in seiner Kindheit in der DDR mit NamibierInnen angefreundet. Weil ihn die Menschen, das Land und seine Geschichte interessierten, war es von dort aus nur noch ein kleiner Schritt zur Deutsch-Namibischen Gesellschaft.

Zwar gebe es schon Medienpräsenz des ehemaligen Deutsch Süd-Westafrikas, vor allem im Fernsehen. Die sei aber etwas verklärt, findet Höhndorf: „Eine kritische Auseinandersetzung wie es mit den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges stattfindet, kann man nicht beobachten.“ Seiner Ansicht nach gebe es in der deutschen Politik keinen Fokus auf die koloniale Vergangenheit. Der Bundestagsbeschluss, in dem von den „besonderen Beziehungen“ zu Namibia die Rede sei, gehe über Entwicklungshilfen und Importe nicht hinaus. Dabei gebe es einige Möglichkeiten. „Wirksamer wären in meinen Augen hier konkretere Maßnamen von Nöten. Man könnte zum Beispiel gleichzeitig den Mangel an Pflegekräften in Deutschland und die hohe Arbeitslosigkeit in Namibia mit der Ausbildung und Anwerbung von Pflegepersonal in Namibia begegnen“ findet Höhndorf. Zum Warmwerden mit der Geschichte empfiehlt er das Buch „Deutsche Kolonien – Traum und Trauma“ von Gisela Graichen und Horst Gründer. „Das ist das umfangreichste Werk zu deutschen Kolonien.“

Zeit, dass sich was dreht

Auch der deutsch-namibische Politologe Dr. Henning Melber findet, dass Aufklärung unter den jetzigen Bedingungen kaum eine Chance habe: „Wir verfügen nicht über die Medien, und in den Schulen hat sich wenig getan. Es wird also weiter eine Relativierung der deutschen Kolonialgeschichte stattfinden. In diesem Zusammenhang wäre es aber schon interessant zu erfahren, wie die Akzeptanz derartiger Geschichtsverzerrung   durch Teile der Bevölkerung zustande kommt. Es müssten die tiefenpsychologischen Wurzeln offengelegt werden, die es ermöglichen, dass es nach wie vor gelingt, Kolonialgeschichte relativierend darzustellen.“

Nun aber scheint der Ball langsam ins Rollen zu kommen. In diesem Jahr ist das Ende des Ersten Weltkrieges in Namibia und damit das Ende der deutschen Kolonialherrschaft 100 Jahre her. Hage Geingob, der neue Präsident Namibias, ist stärker als sein Vorgänger Hifikepunye Pohamba an einer Aufarbeitung interessiert und die Anerkennung des Massakers der Türken an den Armeniern als Völkermord durch den deutschen Bundestag hat dem Thema neue Aufmerksamkeit verschafft. All das führte dazu, dass Bundestagspräsident Norbert Lammert Anfang Juli das aussprach was die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul schon 2004 sagte: Das Massaker am Waterberg sei Völkermord gewesen. Die Bundesregierung tat es ihm nach und bekannte sich offiziell zum Genozid an den Hereros und Namas.

Zukunft gestalten

Ein historischer Schritt für jene, die sich nicht zufrieden geben mit der „besonderen historischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia“. Die wiederholte die Bundesregierung in der Vergangenheit gerne und betonte zugleich, dass die UN-Völkermordskonvention von 1948 nicht rückwirkend gelten könne. Noch bedeutsamer als die Anerkennung ist aber die Tatsache, überhaupt einmal wieder in deutschen Medien über die gemeinsame Geschichte zu lesen. Das kann nicht nur Interesse an dem faszinierenden Urlaubsland wecken. Es kann auch Anlass sein, gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten – zum Nutzen von beiden Partnern.

„Kollektivschuld gibt es nicht“, heißt es oft oder: „Was können wir dafür, was Menschen aus unserem Land vor vier Generationen getan haben?“ Doch alle, die beim Fußball mit schwarz-rot-goldenem Gesicht euphorisch „Schlaaaand!“ rufen, können auch über Folgendes nachdenken: Darf man sich aussuchen, wann man sich mit seinem Land identifiziert und wann nicht?

„Du musst dich nicht schuldig fühlen“, sagt manch Weißer in Windhoek gerne, „aber du kannst die Geschichte deines Landes zum Anlass nehmen, um etwas Gutes zu bewirken.“

Schlacht am Waterberg

Afrika-Festival in Tübingen

Vor wenigen Wochen erst wurde die Welwitschia-Regionalgruppe Tübingen gegründet, herausgegangen ist sie aus einem Seminar an der Universität. Zehn Studierende haben sich schließlich zusammengeschlossen um Welwitschia in Tübingen zu vertreten. Auf dem Afrika-Festival am vergangenen Wochenende führten sie ihr erstes gemeinsames Projekt durch.

Bereits zum sechsten Mal wurde das Festival von der Gruppe AfrikAktiv organisiert, für die Regionalgruppe war schnell klar, dass so eine Gelegenheit nicht ungenutzt bleiben soll. Bereits bei ihrem ersten Treffen beschlossen die Studierenden eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Das Bild von afrikanischen Ländern in den deutschen Medien wird von Begriffen und Themen wie „Armut“, „AIDS“ oder „Hunger“ dominiert. Mit der Ausstellung soll dieses Bild diversifiziert werden. Hierfür wurden NamibierInnen nach ihrer Vorstellung von Deutschland befragt sowie Deutsche zu Namibia. Herausgekommen sind mehrere Texte und Bilder die beim Afrika-Festival zum ersten Mal vorgeführt wurden. Die BesucherInnen wurden durch unseren Pavillon geführt und der Hintergrund der Ausstellung erklärt. Als Informationsstand ist es nicht einfach auf solch einem Festival Aufmerksamkeit zu erlangen. Mit dieser Ausstellung haben wir das jedoch geschafft. Sehr interessiert lasen die BesucherInnen die Texte und begutachteten die Bilder, das Echo war durchweg positiv.

Insgesamt waren die zehn Mitglieder der Regionalgruppe 41 Stunden über vier Tage verteilt auf dem Festival vertreten, eine tolle Leistung! Es wurden viele Kontakte geknüpft und auch Spenden eingesammelt die wir für unsere Aktivitäten in Deutschland und Namibia verwenden können.

Die Regionalgruppe versucht nun für diese Ausstellung einen Raum zu finden, in dem die Exponate über mehrere Wochen ausgestellt werden können.

Vielen Dank an Dietmar Rauskolb für die Bilder!